Das Treffen mit Baba Yaga
- sarahofstetter
- 1. Juli
- 4 Min. Lesezeit
Repost aus November 2021
Die letzten Tage rund um Samhain musste ich immer wieder an Baba Yaga denken. An diese Geschichte, die ich vor Jahren zum ersten Mal gelesen habe und die mich seither nicht mehr losgelassen hat. Sie handelt von Intuition, von Dunkelheit, von dem, was eine Frau werden kann, wenn sie sich traut, in den Wald zu gehen.
Ich möchte sie mit dir teilen.
Die Geschichte von Vasalisa und Baba Yaga
Es war einmal und war auch nicht eine sterbende Mutter, die ihre kleine Tochter Vasalisa zu sich rief, um Abschied zu nehmen.
«Nimm diese Puppe. Behalte sie immer bei dir», sagte sie mit den letzten Atemzügen. «Falls du Hilfe brauchst oder den Weg verlierst, frage diese Puppe um Rat. Erzähle niemanden von ihr. Kümmer dich gut um sie, dann wird sie dir weiterhelfen.»
Und so starb die Mutter.
Lange Zeit trauerten der Vater und das Kind. Vasalisa kümmerte sich um ihre Puppe und eines Tages verkündete der Vater, dass er sich mit einer Witwe mit zwei Töchtern vermählt hatte. Die Stiefmutter und ihre Töchter zogen ein, und die Quälereien begannen. Vasalisa liess alles über sich ergehen.
Eines Tages liessen die Stiefschwestern wissentlich das Feuer ausgehen. Der Plan war klar: Vasalisa sollte zu der alten Hexe Baba Yaga geschickt werden, damit diese sie mit Haut und Haaren frisst.
Vasalisa machte sich auf den Weg in den dunklen, unheimlichen Wald. Bei jeder Abzweigung fragte sie die Puppe, wohin sie gehen solle, und die treue Puppe half ihr.
Ein weissgekleideter Reiter auf einem weissen Hengst preschte an ihr vorbei als der Morgen graute. Ein rotgekleideter Reiter auf einem roten Pferd galoppierte vorbei als die Sonne aufging.
Am Abend erreichte Vasalisa das Hexenhaus. Der Zaun bestand aus alten Gebeinen und aufgespiessten Totenschädeln, die in der Dunkelheit von innen zu glühen begannen. Das Haus selbst stand auf gelben Hühnerbeinen, die hin und wieder zuckten.
«Was hast du hier zu suchen?» kreischte Baba Yaga.
«Grossmutter, ich bin gekommen um dich um Feuer für meine Familie zu bitten.»
«Du hast das Feuer ausgehen lassen. Warum soll ich dir helfen?»
«Weil ich dich darum bitte.»
«Glück gehabt. Das ist die einzig richtige Antwort. Aber ich helfe dir nur, wenn du die Aufgaben erfüllst, die ich dir stelle. Wenn es dir nicht gelingt, musst du sterben.»
Vasalisa willigte ein.
Die Aufgaben waren schwer. Vasalisa war verzweifelt. Die Puppe half ihr. Die Hexe konnte es kaum fassen.
Vasalisa nahm ihren ganzen Mut zusammen und fragte Baba Yaga nach den Reitern.
«Der Weisse ist mein Tag. Der Rote ist meine aufgehende Sonne. Der Schwarze Reiter ist meine Nacht. Aber nun haben wir genug geredet.»
Baba Yaga riss einen Totenschädel vom Zaun und reichte ihn Vasalisa.
«Nimm diesen Feuerschädel und geh nach Hause. Kein Wort mehr.»
Vasalisa rannte die Nacht hindurch. Die Puppe zeigte ihr den Weg. In der Dunkelheit sprangen Flammen aus dem Schädel.
«Beruhige dich», sagte der Schädel. «Trage mich unbeirrt zu dem Haus, in dem deine Stiefmutter und deine Stiefschwestern leben.»
So kam Vasalisa nach Hause. Die Stiefmutter und ihre Töchter konnten kaum fassen, dass das Mädchen überlebt hatte. Scheinheilig bedankten sie sich, denn in der Zeit war es ihnen nicht gelungen, selbst ein Feuer zu entfachen.
Vasalisa zündete das Feuer an und legte sich schlafen.
In dieser Nacht beobachtete der feurige Totenschädel jede Bewegung der drei. Er brannte sich in sie ein und liess sie nirgends zur Ruhe kommen. Als Vasalisa am nächsten Morgen erwachte, war nur noch ein Häuflein Asche von ihnen übrig.
Was diese Geschichte wirklich erzählt
Diese Geschichte handelt von der weiblichen Intuition. Von einem Vermächtnis, das von Mutter zu Tochter weitergegeben wird, von Generation zu Generation.
Die Puppe ist die Intuition. Die sterbende Mutter weiss, dass sie ihrem Kind keinen besseren Schutz mitgeben kann als das Vertrauen in die eigene innere Stimme. Pflege sie. Höre auf sie. Zeig sie niemandem.
Baba Yaga ist keine böse Hexe. Sie ist die wilde Urmutter, die Zeremonienmeisterin des weiblichen Einweihungsrituals. Ihr Wesen ist furchterregend, weil ihr Wissen und ihre Macht gleichermassen vernichten und Leben spenden können. Aber wer auf sie zugeht, wer die Aufgaben annimmt und nicht flieht, der bekommt das Feuer.
Die Stiefmutter und ihre Töchter stehen für die eigenen Schattenseiten. Die ausbeutenden, eifersüchtigen, ausschliessenden Anteile in uns selbst. Man muss ihnen ins Gesicht schauen und eine Beziehung zu diesen Anteilen herstellen, bevor eine alte Persönlichkeit sterben und das intuitive Selbst auferstehen kann.
Die drei Reiter, der Weisse, der Rote, der Schwarze, stehen für das neue Bewusstsein, das Opfer der durchschauten Illusionen und die Vernichtung alter Wertvorstellungen. Schwarz, Rot, Weiss. In dieser Reihenfolge.
Und der leuchtende Schädel? Er ist das Geistfeuer. Das durchbohrende Bewusstsein, das alles sieht, auch die eigenen Schattenseiten. Vasalisa will ihn wegwerfen, weil es ihr zu heiss wird. Und das ist verständlich. Es ist einfacher, das Licht wegzuwerfen und wieder einzuschlafen. Eine gute Intuition zu besitzen bedeutet Arbeit. Es kostet Mut, hinzusehen, was man sieht.
Jede Frau, die auf dem Weg zu sich selbst ist, kommt an diesen Punkt.
Viele von uns wurden darauf trainiert, immer lieb und nett zu sein. Immer anzupassen. Immer zu gefallen. Die Instinktnatur, die wilde, weise Kraft in uns, wurde dabei oft zum Schweigen gebracht. Baba Yaga erinnert uns daran, dass da etwas wartet. Etwas Altes. Etwas Wildes. Etwas Weises.
Wer bereit ist, in den Wald zu gehen, bekommt das Feuer.
Inspiriert von und Teile aus "Die Wolfsfrau" von Clarissa Pinkola Estés
Sara Hofstetter · mysoulflow · Berneck, Ostschweiz Zeremonien · Mentoring · Aufstellungen · Online & vor Ort

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